Schulaufenthalt in der Türkei

Ich bin Andrea Spickermann und bei GLS für die Schulprogramme USA und neuerdings auch Türkei verantwortlich. Um mir ein eigenes Bild von der Türkei zu machen, hat mich GLS nach Istanbul geschickt, wo ich mich mit Partnern, Schulen und Gastfamilien getroffen habe. 

Ich war noch nie in Istanbul oder an einem anderen Ort in der Türkei. In meiner Heimat, dem Ruhrgebiet, bin ich jedoch mit vielen Türken, deren Elter als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, aufgewachsen. Daher war mir der Unterschied zwischen der deutschen und türkischen Kultur schnell bewusst und das Interesse groß, die Türkei kennen zu lernen. Leider hat es ganz schön lange gedauert bis ich dies realisieren konnte.

Auch in meiner Wahlheimat Berlin trifft man an jeder Ecke auf ein Stück Türkei. Ob Döner- oder Gemüseladen, türkischer Bäcker mit den köstlichsten Süßigkeiten oder der Spätkauf, der einem auch nach Geschäftsschluss noch mit dem Wichtigsten dient.

Als ich mich auf einer Konferenz in den USA mal wieder mit meinem türkischen Kollegen Herrn Karsit unterhielt, erzählte er mir von seinem Programm in der Türkei und ich war begeistert. Zum Glück war auch meine Chefin Frau Jaeschke gleich dabei. Schließlich kennt sie die Türkei von vielen Reisen und schätzt die Herzlichkeit der Türken sehr. 

Zwei Monate sind seitdem vergangen und viele Fragen zwischen dem GLS und ISE Büro hin und her gegangen. Wie sieht das Schulsystem aus? Wie die Familienstruktur? Gibt es eine Schuluniform? Was wird von den Schülern erwartet? usw.

Eine Woche ist mein neues kleines Projekt jetzt online und ich freue mich sehr über die Herausforderung. Ich hoffe sehr, dass ich die Begeisterung und Neugier für/auf einen Schulaufenthalt in der Türkei bei dem einen oder anderem wecken kann. 

 

So habe ich mich am Samstag in den Flieger nach Istanbul gesetzt, um dort die Kollegen von ISE, Gastfamilien und Schulen kennen zu lernen und mir einen eigenen Eindruck zu machen. Ich war sehr aufgeregt auf das was mich dort erwarten würde. Denn das Bild, welches wir doch meist haben, vorausgesetzt man war noch nie in der Türkei, ist das von einer männerdominierten Gesellschaft, Frauen mit Kopftüchern usw. Ein sehr eingeschränktes Bild, welches zu durchbrechen gilt.

Der erste Tag war ein Wirbel an neuen Eindrücken aus Farben, Gerüchen und vielen Menschen ist auf mich eingeströmt. So recht mag kein Türkeifeeling, wie ich es mir vorgestellt habe aufkommen. Alles wirkt sehr europäisch, so dass man meint in Spanien oder Italien zu sein. Kaum eine Frau trägt ein Kopftuch.

Ich habe auch schon einiges gelernt. Als ich beim Abendessen ein wenig Brot auf dem Teller lassen wollte, erklärte mir Herr Karsit, dass man das normalerweise nicht macht, vor allem nicht bei einer Gastfamilie. Brot ist heilig - man bringt es nach Hause, um die Familie zu ernähren und man nimmt nur so viel, wie man wirklich essen kann. Vergebens habe ich versucht mir zu merken, was "Guten Tag!" und "Wie geht's?" heißt aber keine Chance. Das kann ich mir nicht merken. Daher ist der einmonatige Sprachkurs vor Programmbeginn absolut sinnvoll. Zum Glück konnte ich mich auch gut auf Englisch verständigen.

Und dann musste ich feststellen, dass Istanbul riesig ist. Von einer zur anderen Seite sind es knapp 200km und mit 15 Millionen Einwohnern ist es fünfmal so groß wie Berlin. Ich konnte bei meinen Besuchen von Schulen und Gastfamilien alle öffentlichen Verkehrsmittel kennen lernen, die es so gibt. Kleines Taxi, großes Taxi, kleiner Bus, großer Bus, Fähre, Metro und Tunnelbahn.

Die Gastfamilien wohnen in der Regel in sogenannten "gated communities" etwas außerhalb vom Stadtzentrum Istanbuls. Das hört sich nach Hochsicherheitstrakt an, ist aber überhaupt nicht so. Es gibt einen Wachmann, der sicher stellt, dass sich nicht jeder x-beliebige Mensch dort aufhält. Ansonsten wirken sie wie eine ganz normaler Wohngegenden. Jede Gemeinde ist wie eine kleine Stadt mit eigener Schule, Supermarkt, Sportzentrum, Kino, etc. Es gibt keine Einfamilienhäuser, sondern Hochhäuser, die alle relativ neu sind. Herr Karsit erwähnte mehrere Male, dass das Bauen in der Türkei sehr günstig sei und Neubauten vom Staat gefördert werden. Daher werden viele Gebäude nach ca. 10 Jahren angerissen und neu gebaut. Am Wochenende fahren die meisten Familien zum Shoppen oder Kaffee trinken in die Stadt.

 Hier bin ich mit Pelin Kizilay (links) und deren Oma zu sehen. Die Oma kam gerade zur Tür hinein als wir gehen wollten. Da sie wusste, dass ich kommen würde, hatte sie etwas typisch türkisches gebacken und ich durfte nicht gehen bevor ich nicht probiert hatte. Das was wirklich süß von ihr.

Pelin selbst war im letzten Jahr über ISE in Italien und hat dort die Schule für ein Jahr besucht. In Istanbul besucht sie eine italienisch-türkische Schule und sie wird nach dem Schulabschluss nach Italien zum studieren gehen. Pelin erzählte mir von ihren Erlebnissen in Iatlien und dass am Anfang niemand mit ihr sprechen wollte, weil sie Türkin war. Nachdem ihre Mitschüler sie aber kennen gelernt haben, haben sie gemerkt, dass Pelin eine Jugendliche wie sie selbst sind und haben sich für ihre Vorurteile geschämt. Für Pelin ein Erfolgserlebnis, weil sie zeigen konnte, dass die Türkei auch ein sehr modernes Gesicht hat.

Dann erzählte sie mir von einem typischen Schultag. Alle Schüler werden morgens vom Schulbus abgeholt und nach der Schule wieder nach Hause gebracht. Der Schultag ist recht lang - 8-16 Uhr. Allerdings gibt es dafür kaum Hausaufgaben.

Nach den Gastfamilienbesuchen am Sonntag ging ein wahrer Schulbesuch-Marathon am Montag los. 7 Schulen sollten es werden, 6 haben wir geschafft.

Die erste war die Beste - nicht etwa wegen der Ausstattung oder des tollen Gebäudes, sondern weil ich so unglaublich herzlich und mit riesigem Interesse von dem Deutschlehrer und sogar auch vom Direktor selbst empfangen wurde. 

 Der Direktor wollte wissen, warum wir deutsche Jugendlich in die Türkei schicken wollen und freute sich über das Interesse an der türkischen Kultur und Sprache. Der Deutschlehrer meinte, dass die Schüler schon ganz aufgeregt sind und er jetzt schon 30 Familien hat, die gerne jemanden aufnehmen würden. Zum Schluss versicherte er mir, dass ich jetzt auch eine Familie in Istanbul habe und wann immer ich wiederkommen würde, er mich vom Flughafen abholen würde. 

In der nächsten Schule war gerade die deutsche Botschafterin zu Besuch. Leider war sie zu beschäftigt, so dass ich nur kurz mit ihr reden, leider aber kein Foto machen konnte.

Und dann kam wieder eine tolle Erfahrung für mich - ich durfte am Deutschunterricht teilnehmen und die Schülerinnen durften mich alles fragen, was ihnen so einfiel. Echt süß die Mädels! Es waren auch zwei internationale Schüler in der Klasse, Claire aus England und An Thu as Korea. Sie waren prima integriert und bekamen Lob für ihr Türkisch von den Mitschülerinnen. Im April will die Klasse nach Berlin kommen und wir haben uns schon auf einen Kaffee verabredet. 

 

 Das waren also die Highlights meiner Schulbesuche. Was ich herausgefunden habe ist außerdem, dass man in der Türkei an deutsch-türkischen Schulen das Abitur ablegen kann. Wenn also Interesse daran besteht, kann man das sicherlich organisieren. So verliert man kein Zeit.

Fazit: Ich hätte nie gedacht, dass man in 2 1/2 Tagen so viel sehen, lernen und erleben kann. Ich bin begeistert von der Freundlichkeit der Menschen, dem leckeren und gesunden Essen, der Flexibilität der Schulen und der Atmosphäre Istanbuls. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Türkeiaufenthalt und sage "tesekkür" an meine Partner, die sich so viel Zeit für mich genommen haben.